Wy Friezen!


 

Dies is die Rede von JAN PIEBENGA

Sie wurde gehalten auf dem 6. Friesenkongreß 1955 in Aurich, und sie ist seitdem Ausgangspunkt vieler guter Gespräche in Friesland gewesen.

Sie ist eine offene Rede. Sie verschweigt keine Schwäche, offenbart aber auch in beglückender Weise die Kraft des Friesentums.

Wer diese Rede gehört hat, dem ist sie unvergeßlich. Wer sie nicht hören konnte, hat nun Gelegenheit, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wir haben diese Rede im Druck festgehalten und vervielfältigt, weil sie das ist, was wir notwendig brauchen: ehrliche Selbstprüfung und freudiges Bekenntnis.
Der Friesenrat

 

 

 

Wir Friesen

sind ein zweispältiges Volk. Sind wir äußerlich ruhig, steif und manchmal verschlossen, innerlich sind wir bald tief bewegt, sentimental und rührselich. Wir haben die Tatkraft der Bauern und Schiffer, jedoch auch die Passivität der Märtyrer. Alle sind wir dichterisch begabt, aber es gibt im Friesenvolke keine wahrhaft großen Dichter. Wir schwärmen für unsere Heimat, für unseren Geburtsort, für die Grabstätten unserer Eltern und Verwandten, und doch reisen wir leicht in die weite Ferne und kehren niemals zu unserem geliebten Kinderlande zurück. Wir lieben unsere Geschichte, aber wir lassen unsere Aufgabe für die Gegenwart nur sehr schwer durch sie bestimmen. Wir sind religiös, ganz gewiß, wir sind es alle, aber wir fühlen uns in der Kirche manchmal nicht zu Hause und unsere Religion ist oft nur ein lebenslängliches Lied ohne Worte. Wit kämpfen gerne, aber immer nur sehr kurz; wenn sich die Berserkerwut ausgetobt hat, sind wir wie ein Samson ohne Haare. Wir möchten am liebsten eine ideale Gesellschaft gründen, aber persönlich ist jeder für sich so einsam wie ein Eremit. Unsere Lebensführung soll sehr ethisch eingerichtet sein, aber der Mammonismus ist eine friesische Volkssünde.

Fast niemals ist unsere Dynamik harmonisch, und ebensowenig ist unsere Selbständigkeit selbstverständlich. Kaum ein anderer der germanischen Stämme hat soviel intuitives Nationalgefühl wie wir, aber wir sind leidenschaftliche Niederländer, Deutsche oder Dänen. Wir sind ein Volk vom Meere, – „rüm hart, klar kimming“- aber seit Jahrhunderten schrumpft der Bereich der friesischen Sprache immer mehr zusammen. Vor dem Antlitz unserer Feinde stehen wir gern beieinander, aber wenn wir zusammenstehen, fühlen wir uns nicht recht wohl und teilen uns in Parteien, Schichten und Sekten. Wir sind stolz bis zur Eigenbrötelei, aber wir lassen uns einfach sklavisch von Fremden beleidigen. Wir haben eine friesische Bewegung, aber wir fragen uns oft, ob sie nicht im Großen und Ganzen eine Museumssache ist.

Das Friesentum ist ein leibliches Paradox. Wir gestehen es ganz offen, daß es ein Anachronismus ist: Volk ohne Staat, mit der sehr aktuellen Bedrohung, Volk ohne Sprache zu werden. Die Vergangenheit ist immer unsere Zukunftshoffnung. Wir machen keine Politik, aber die frage unserer Existenz ist eine politische, wie keine andere. Wir flüchten uns oft in die Poesie oder in die Wissenschaft oder in den Folklorismus, wir sollten aber jetzt auf den Deichen stehen und die Flut abwehren. Gibt es eine friesische Bewegung? Nein, sage ich, wenn sie sich dem Tode zu bewegt. Ja, wenn sie es wagt, unser Volksein zu proklamieren und von den europäischen Dächern zu predigen. Sie ist nicht immer primär abhängig von Quantität, sondern von Qualität. Ihre schwache Seite wird immer die Organisation sein, aber das wird erträglich sein, wenn nur die inbrünstige Überzeugung, die Liebe, die Treue, der Gedanke und der Traum da sind. Grund oder Anlaß zum Pessimismus gibt es in und um uns so vielfach, daß  es ordinär ist, darüber zu sprechen; wichtiger ist jedoch zo sagen, was mein nordfriesischer Freund damals sprach, als wir vor seinem Hofe uns verabschiedeten: solange meine Frau, ich und meine Kinder noch da sind, wird es hier Friesentum geben.

Sprechen wir heute also ganz kurz über die friesische Triade: „Über dasjenige, was war, ist und sein wird.“ Sprechen wir im Glauben, daß unser Herrgott unter Millionen von Erdenkindern auch die Friesen im Auge behalten hat. Sprechen wir in der freudigen Zuversicht, daß es kein Zufall, kein Irrsinn und keine Romantik ist, daß wir hier jetzt in der Nähe des Upstalsboom der Friesen beisammen sind.

Es versteht sich, daß ich in diesem Zusammenhang nur von der westfriesischen Bewegung spreche und die Zusammenhänge mit den ost- und nordfriesischen Bestrebungen nur berühre.  Ich verzichte auch auf eine weitgehende historische Einleitung, wie gern ich eine solche halten möchte. Meine Aufgabe kann nur sein, auf viererlei Entwicklung in der friesischen Bewegung in den Niederlanden hinzuweisen: auf die äußerliche Entwicklung, auf die innerliche, auf die Fortschritte und praktischen Errungenschaften und auf die Möglichkeiten, die uns geblieben sind und auf die vielfachen Hemmungen und Schwierigkeiten, die sich dabei zeigen.

Zwei Wendepunkte in der friesisch-nationalen Entwicklung sind die Jahre 1500 und 1800. Kann man auch im Mittelalter nicht von einer dauernden und ungebrochenen Souveränität sprechen, immerhin fühlen die Friesen sich frei und selbständig und sie sind bereit, jeden Tag für diese Freiheit zu kämpfen. Die kriegerische oder geschichtlich-rechtskundige Auseiandersetzung mit Holland ist das Entscheidende. Holland war damals der Feind und Usurpator. Sein Bundesgenosse ist nicht nur die nach einem zentralisierenden Staatswesen neigende Entwicklung in West-Europa, sondern auch das Wasser und nicht weniger der ungehemmte Individualismus der Friesen. Für eine Demokratie, eine Bauern-Republik im altgermanischen Sinne gibt es keinen Platz mehr. Der Feudalismus weiß in Verbindung mit dem Zeitgeist der Renaissance eine moderne und erfolchreiche Prägung zu erlangen, und leider gibt die nördliche Reaktion auf diese überwiegend südliche Evolution, wie man die Reformation nennen könnte, bei uns auf die nationalen Fragen nicht immer eine richtige Antwort. Ganz bestimmt sucht man diese in Friesland mehr im staatlich-freiheitlichen Prinzip als in der Erhaltung der Sprache. Das glänzende Beispiel für diese neue Lage ist Ubbo Emmius. Wann wird ein populäres Volksbuch über sein Leben und Wirken herauskommen?  Sein großer Name sei ehrfurchstvoll und in tiefer Dankbarkeit in diesem Kreise genannt.

Nach 1500 stirbt das Friesische als Amts-, Rechts- und Urkundensprache in Friesland allmählich aus. Im Kampfe für staatliche und religiöse Freiheit gelangte man endlich zu einem Zusammengehen mit Holland, und dies läßt sich verstehen, denn im Grunde ist es ein sehr friesischer Kampf. Die Union der siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts ist nicht bedingungslos, und sie bedeutet auch nicht gerade einen Fehler, ein Unglück oder einen Selbstmord. Wenn nur die Reformation bei uns, wie in Finnland z. B., die Volkssprache mehr gefördert hätte. Das gleiche Schicksal, das das Niederdeutsche um 1600 herum überfiel, traf auch im Friesischen zu: wir erhielten nich einmal, wie das Niederdeutsche, eine eigene Bibelübersetzung. Es ist die Verwaltungsbeamtenschaft gewesen, die sich in den Städten angesiedelt hatte, welche der niederländischen Sprache eine kräftige Ausstrahlung verlieh.

Das Friesische wurde Land- oder Bauernfriesisch, eingeklemmt zwischen der Hochsprache der Elite und den Mischdialekten. Es ist ein großes Glück gewesen, daß unser Friesland sich immer, sei es stärker oder schwächer, bemüht hat, seine Stellung in der Union so unabhängig wie möglich zu gestalten (eigener Statthalter, eigene Universität, eigene Admiralität usw.). Es war ein großes Glück, daß es zwei Jahrhunderte hindurch eine mit Liebe gepflegte und vielseitig ausgewachsene Geschichtsschreibung gegeben hat, welche das friesische Volksgefühl ohne Zweifel sehr gefördert hat. Es war ein Gotteswunder, daß es im 17. Jh. den überragenden friesischen Dichter Gysbert Japix gab, einen Mann, den man gerne an den Anfang der friesischen Bewegung stellt und zu gleicher Zeit ihr klares Programm nennt. So war da zwischen 1500-1800 viel Gutes, aber die Axt lag doch schon damals an der Baumwurzel.

Als am Ende des 18. Jahrhunderts der Union ein Ende bereitet wurde und durch holländischen und französischen Einfluß ein neuer, zentralistischer, stark einheitlicher niederländischer Staat geschaffen wurde, war anscheinend das Schicksal der friesischen Freiheit besiegelt. Glücklicherweise blieb die Reaktion nicht aus. Sie offenbarte sich nicht zunächst in der politischen Sphäre, obgleich es auch damals viel Föderalismus in Friesland gab. Die nationale Wiederbelebung zeigte sich in einer kräftigen Literaturbewegung, die gerade um 1800 herum angefangen hat und die in anderthalb Jahrhunderten sehr viel Gutes geleistet und sich auch immer mehr entfaltet hat. Mehrere von den Vorkämpfern haben es damals als eine Erniedrigung empfunden, am Gängelbande Hollands laufen zu müssen. Sie haben etwas wachgerüttelt, das nicht mehr sterben kan, ohne daß Friesland zu gleicher Zeit mitstirbt. Der heutigen Jugend, auch wenn diese eigene Wege sucht, sind sie verehrte Vorgänger geworden.

Die friesische Bewegung ist eine Frucht der Romantik, die auch in den skandinavischen Ländern und unter den keltischen Völkern viel Gutes und Lebendiges hervorgerufen hat. Man ist damals durch nordische, deutsche und schottische Beispiele inspiriert worden, aber trotzdem war diese Bewegung originell und eigen geartet.

Es handelte sich gewiß auch um die Erhaltung alter Volksgüter, aber mehr noch um die Selbstbehauptung, um die Entfaltung des friesischen Geistes, und so konnte das Interesse auch unmöglich auf eigene Lebensgebiete beschränkt bleiben.

In diesen 150 Jahren ist versucht worden, zu einer Orientierung der gesamten Probleme des Volkstums in der Neuzeit zu gelangen. Gewiß war es im Anfang so, daß man der Sprache dienen wollte, ohne ihres Überlebens sicher zu sein und auch ohne großen Ehrgeiz für sie zu hegen. Dennoch ist es Harmen Sytstra gewesen, der eine große, fast visionäre Zukunftsschau gehabt hat. Leider hielt die aufklärerische Grundhaltung der friesischen Bewegung im 19. Jh. die streng kirchlichen Kreise der Bewegung fern, obwohl man sich doch auch um Psalm- und Evangelienübersetzung nicht wenig bemüht hat. Ein großes Bespiel gab der Dorfpfarrer Rinse Posthumus, der mehrere Stücke von Shakespeare ins Friesische übersetzt und herausgegeben hat. Etwas Großfriesisches ist auch von Anfang an dabeigewesen und Namen wie Knut Jungbohn Clement (“Klement”), von Richthofen, Joost Halbertsma, Siebs und Bremer beweisen, daß im allgemeinen die Sache im Wachsen begriffen war.

Auf vielerlei Gebieten ist in diesem Jahrhundert Gutes erreicht worden. Das friesische Volkstheater und die friesischen Liederbücher, die Buchstabierung und Festlegung der Sprachlehre, das Aufkommen der sozialen Dichtung, die Organisierung der auswärtigen Friesen, das wachsende Interesse für Nordfriesland, die Gründung der Christlich-Friesischen Gesellschaft und später der Römisch-katholischen Gesellschaft, die Bibelübersetzung, sämtliche Arbeiten des Ost (webmaster: beabsichtigt ist ’West’)friesen Dr. Wumkes, die Jungfriesische Bewegung von 1915, die bewegung für friesischen Unterricht auf der Schule, das Universitätsstudium der friesischen Sprache und Literatur. Das und vieles mehr deutet auf eine vielverheißende Evolution hin.

Während dieser ganzen Entwicklung erwachte der Wunsch, sich als Friese in der Welt des Geistigen und Politischen zurechtzufinden. Hauptziel war, daß die friesische Sprache als die natürliche und vollberechtigte Trägerin des geistigen friesischen Lebens anerkannt wurde. Leider war es nur eine bestimmte Mittelschicht, die diese Bewegung gefördert hat: begabte, aber einfache Leute, viele Schulmeister und einige Pfarrer, nur nicht der friesische Adel und leider auch nicht die aufkommende Bauernbewegung. Doch hat sich dieser Kreis nach 1900 immer mehr erweitert, obwohl man bis heute nicht von einer Volksbewegung sprechen kann. Allen Leuten jedoch wurde es klar, daß das Kleine und Beschränkte und Minimale nicht genügt im Kampfe für das friesische Dasein. Nur das Große und Weite inspiriert und aktiviert!

Blicken wir jetzt auf die Innenseite, so sehen wir in diesen hundertfünfzig Jahren eine Entwicklung von der Literatur über die Kultur nach der Politik. Der Kreis des friesischen Lebens sol notwendig immer weiter gezogen werden. Nicht nur zu Hause, nicht speziell beim Spiel und Sang und Tanz, aber auch und gerade im Kampf ums Dasein sind wir Friesen. Friesentum kann nicht etwas sein, das man sich gelegentlich anhängt, es ist eine Sache von Herz, Vernunft und Willen zusammen. Die einzige Chance liegt darin, daß wir uns unseres Volkstums viel tiefer bewußt werden, als es bis heute der Fall ist. Mit Provinzialismus und Partikularismus eilen wir als Volk dem Grabe zu. Wir sind der Meinung, daß wir ein eigenes friesisches Wort in der Politik zu sagen haben, das ganz modern ist und das als Begriff von jeher in unserem Volke gelebt hat: der geistige und staatliche Föderalismus. Mit Separatismus hat das nichts zu tun, im Gegenteil, es ist die Bedingung des Universellen.

Es ist der große Wert der jungfriesischen Bewegung vom Jahre 1915, daß sie die Forderung gestellt hat, daß Friesland sich einen eigenen Platz im geistigen Verkehr der Völker erwerben sollte. Das bedeutet nicht abschneiden, trennen, isolieren. Im  Gegenteil: der Friese soll in der Welt leben und wirken und nicht darauf parasitieren. Es ist bewiesen, daß es sehr gut möglich ist, Hölty in das Friesische zu übersetzen, aber auch Hölderlin? Klaus Groth, aber auch Rilke? Fritz Reuter, aber auch Sartre? John Bunyan, aber auch Augustinus?

Wenn Friesland an dem Feuer der Welt verbrennt, geschieht das nur wegen eigener Unselbständigkeit. Wir Friesen lieben die Idylle, wir alle möchten gerne beim Winterabendmärchen verweilen, aber es ist gefährlich, denn eben da erschleicht uns der sanfte Tod. Wenn wir auf friesisch fluchen, aber nicht den Eid leisten, unsere Sprache auf die Bühne bringen aber nicht in die Kirche, an der Oberfläche damit leben, aber nicht in der Tiefe damit den Kampf liefern, so ist unsere Eigenart nur eine Sache von Bruchstücken und wir bekommen unsere Totalität nur von anderen. Dann geben zwanzig Jahrhunderte uns nur das Recht auf Spiel und nicht auf Ernst, auf Freizeitvergnügen, aber nicht auf harte Arbeit, auf Lyrik, aber nicht auf Dramatik. Die friesische Bewegung in Westfriesland fängt damit an, daß sie die friesische Sprache als die natürliche und berechtigte Trägerin des geistigen friesischen Lebens ansieht, aber sie bleibt nicht dabei stehen. Sprache ist immer die Außenseite der Innerlichkeit, und deshalb haben wir zu den Quellen zu gehen. Wenn es auch bestimmt kein ewigens Wasser ist, was wir daraus schöpfen, so brauchen wir es doch, um den Acker unseres Volkes fruchtbar zu machen.

Dieses Bestreben ruft freilich bei den Nichtfriesen und bisweilen auch bei vielen Friesen einen gewissen Widerwillen hervor. Die Ruhe und die Mittelmäßigkeit werden durch solche nationale Forderungen angefochten. Weshalb soll man sich mit der Bürde der Ahnen belasten? An der Gegenwart hat man schon schwer genug zu tragen. Ist das auch keine Engstirnigkeit und Egozentrismus, immer über sich selber zu denken und zu sprechen? Ist es nicht die Aufgabe unserer Zeit, den Horizont immer mehr zu erweiteren? Haben wir nicht in unserer Generation die schrecklichsten Verirrungen des Nationalismus erlebt? Ist auch das Friesentum als Gesamtes nicht ein Wunschbild, ein romantischer Traum und, wissenschaftlich gesehen, eine Verzerrung der Tatsachen? Sollten wir unsere Jugend nicht lieber im Geiste von Weltbrüderschaft und Kosmopolitismus erziehen? Das Leben liegt in Kreisen um uns herum, hat ein friesischer Dichter gesagt. Der Anfang vom natürlichen Menschenleben liegt bei der Mutter, liegt im Elternhause, liegt in der Nachbarschaft. Breite und Weite ohne Tiefe ist wie ein Leben ohne Formen. Man kann die Welt nur dan recht lieben, wenn man sein eigenes Volk erst auf die rechte Weise liebt. Gemeinschaft in konkretem Sinne besteht nicht bei Millionen, sondern nur bei Tausenden oder besser noch bei Hunderten. Für die friesische Bewegung bedeutet das, daß der Unterricht im Hause und in der Schule einen sehr wichtigen Platz einnehmen soll. Die möglichst weite Ausbreitung des Unterrichts in der friesischen Sprache, Geschichte und Heimatkunde ist das Mindestmaß, das sie begehren kann. Es ist jedoch falsch, diese Aufgabe nur den Schullehrern aufzubürden: die Eltern haben in dieser Hinsicht auch eine sehr große Pflicht. Das Licht, welches von der Mutter ausstrahlt, brennt am längsten. Glücklicherweise sieht es jetzt aus, als ob der Vernachlässigung des friesischen Unterrichts ein Ende bereitet wird. Wir sind in den letzten 20 Jahren ohne Zweifel viel weiter vorwärtsgekommen, und es ist auf diesem Gebiete von wenigen Bedeutendes geleistet worden. Es ist vielleicht die größte Frage unseres heutigen Daseins, ob wir in der nächsten Zukunft genügend Kräfte haben werden, um die Schmälerung under die Bastardierung unserer Sprache einzudämmen und zurückzuwerfen. Eines steht dabei fest: ohne eine reiche staatliche Unterstützung wird es nicht gelingen. Eine sehr wichtige Sache ist auch die Beeinflussung von Presse und Rundfunk. Es ist auf diesem Gebiete einiges getan, aber doch zu wenig. Fast alle Tageszeitungen in Friesland sind zweisprachig, aber das Friesische muß mit sehr wenig Raum zufrieden sein, vielleicht nur mit fünf bis sieben Prozent. Im Landesrundfunk sind es auch nur vereinzelte halbe Stunden, in denen nur Friesisches gebracht wird. Im regionalen Rundfunk steht es etwas besser, aber auch da bleibt noch viel zu wünschen übrig. Nur sehr langsam dringt die friesische Volkssprache in die Kirchen ein. Doch auch da sind in einer Zeitspanne von dreißig, vierzig Jahren beträchtliche Fortschritte gemacht worden. Das benötigte Material in friesischer Sprache ist jetzt auch fast alles da: die Heilige Schrift, das kirchliche Gesangbuch, die Bekenntnisschriften; alles is übersetzt und gedruckt. Hier sind schon Türen aufgegangen, die man für immer geschlossen glaubte. Die Zahl der friesischen Zeitschriften köntte viellecht ohne großen Schaden auf die Hälfte verringert werden. Es kostet große Anstrengung, einige ganzfriesische Wochenzeitungen lebendig zu erhalten. Die Friesen haben sich noch nicht daran gewöhnt, auf Zeitschriften in der eigenen Sprache zu abonnieren. Es gibt viele gute friesische Journalisten, aber sie können mit ihrer friesischen Schriftstellerei das tägliche Brot nicht verdienen. Ein literarisches Monatsblatt existiert jetzt schon zehn Jahre und bietet noch immer eine ziemlich große Verschiedenheit in den Beiträgen. Viel Gutes, ja verhältnismäßig Außerordentliches, ist in den letzten zehn, zwanzig Jahren auf wissenschaftlichem Gebiete geleistet worden. Die Fryske Akademy und das Friesische Institut der Universität Groningen und auch die friesischen Professorate an den sonstigen Universitäten bemühen sich alle mit viel Eifer und Liebe um die Anerkennung in einer Welt, die zu lange getan hat, als wäre Friesland gar nicht da. Persönlich bedrückt und bedrängt mich oft die Frage, daß es auf diesem Gebiete vielleicht besser sein könnte. Die Inventarisierung einer Erbschaft ist unvermeidlich und auch wertvoll, aber ich kann mich oft des Verdachtes nicht erwehren, daß hier auch manchmal von Flucht vor den Aufgaben unserer Zeit geredet werden muß. Aber ich darf nicht ungerecht sein: die Fryske Akademy z. B. bestrebt sich, immer lebensnah und im guten Sinne inspirierend zu sein. So konnte es gar nicht anders sein: die Sprachbewegung des 19. Jahrhunderts wandelte sich allmählich in eine umfassende Kulturbewegung, aber diese entwickelte sich konsequent zu einer politischen Bewegung. Manche Leute erschrecken immer, wenn dieses Wort in diesem Zusammenhang gebraucht wird, und es ist deshalb gut, Mißverständnisse zu vermeiden. Es sind bisher keine eigenen friesischen Parteien gegründet worden, und nur ganz wenige Anhänger der friesischen Bewegung glauben, daß diese Ziele verbinden, während es zu gleicher Zeit vielerlei Trennung auf anderen gebieten gibt. Weitaus die meisten meinen, daß sie dem größtmöglichen Maß von Dezentralisation in der Staatsverwaltung nachstreben sollen. Man kann auch sagen, daß diese Selbstregierung und Autonomie für das Friesentum wünschen, nicht nur aus geschichtlichen Gründen, auch, weil sie der Meinung sind, daß nur dadurch die Demokratie in dem modernen Staate in richtiger Weise erhalten werden kann. Die meisten politischen Parteien stehen glücklicherweise mehr oder weniger für diesen Standpunkt offen. So ist es möglich geworden, daß man in den friesischen Provinzial-Staaten nach dem Kriege von einem neuen Kurs spricht und daß da sehr oft gute Worte für die friesische Sache gesprochen und gute Dinge geleistet werden. Auch im niederländischen Parlament hat sich ein viel größeres Verständnis für unsere Bestrebungen gezeigt, als es früher der Fall war. In der populären Presse wird zwar noch oft mit einer gewissen Gehässigkeit über die friesische Sprache geschrieben, aber vernünftige Leute haben doch schon lange eingesehen, daß die Autonomie Frieslands im Rahmen des niederländischen Staates keine unnatürliche, sondern auf jeden Fall in kultureller Hinsicht eine selbstverständliche Sache ist, was noch gar nicht bedeutet, daß dieses erstrebte Ziel schon in der nächsten Zukunft erreicht werden kann: Sie alle wissen, wie stark die Strömungen unserer Zeit in Richtung der Zentralisation und der staatlichen und kulturellen Nivellierung tendieren.

Es wäre vielleicht schön und bequem, wenn wir nur friesische Romane und Gedichte verfassen und lesen könnten, wenn wir unsere tägliche Freude an alten Geschichten hätten und versuchten, die Monumente der Vergangenheit möglichst treu zu restaurieren, wenn wir auch die Volkssprache nur pflegten in Schauspielen und in den Liedern. Keiner sollte uns das auch verübeln. Aber das alles genügt jetzt nicht mehr. Wir stehen als Friesen ohne Barrikaden in einer bewegten Welt und haben nicht bei den alten Traditionen wieder anzuknüpfen, sonder auch die Fehler der letzten Jahrhunderte auszubessern. Die Sprache ist für uns das wichtigste Merkmal, um so mehr, da wir gesehen haben, wie es den Ost- und Nordfriesen gegangen ist und noch immer geht. Aber wir wollen ein organisches friesisches Leben, das sich auf keine Weise der friesischen Vergangenheit schämt, aber auch nicht seine Eigenart isoliert und bis zum Nationalismus übersteigert.

Dies alles ist leicht hingeschrieben, aber es ist in der Praxis schwer zu realisieren. Auch hier ist die Ernte groß, aber der Arbeiter sind wenige. Zu einer großen Volksbewegung sind wir noch nicht ausgewachsen und viele Intellektuelle haben auch in diesem Punkte ihre Skepsis. Die Menge ist nicht ohne Sympathie für das Friesische, aber ihrer Widerstandsfähigkeit ist zu schwach. Kann es auch anders sein, wenn immer so wenig getan wird, um das friesische Stammesbewußtsein zu pflegen und zu fördern? Ohne die Schule geht es deshalb nicht, ohne die Jugend geht es nicht und ohne den unbedingten Einsatz von vielen Berufenen geht es ganz gewiß nicht. Und sicher geht es auch nicht, ohne die großfriesischen Verbindungen aufrechtzuerhalten und zu intensivieren. Schwer finden wir uns zusammen, und machmal fragen wir uns, ob wir nicht doch zu spät kommen, und dennoch sind wir alle in einem bestimmten Sinne Heimkehrer. Meines Erachtens können wir die Verführung des Provinzialismus nur überwinden, indem wir einander Hilfe leisten, von einander lernen und in gemeinschaftlicher Arbeit etwas bauen, wovon Europa sagt: Siehe, das haben die Friesen gemacht, das Volk, das wir schon ausgestorben wähnten, und das nicht in Genf, in Straßburg oder in New York repräsentiert wird. Ich kann Ihnen versichern, daß die Leute von Wales und Bretagne, von Flandern und aus Graubünden, von den Faröer-Inseln und aus Katalonien zusehen, ob wir leben bleiben.

Wir haben einander zu sagen: wir, die wir hier sind, haben kein Wahngebilde im Kopfe, sondern eine Realität, für die Ubbo Emmius von Greetsiel und Groningen gelebt hat, von der Harmen Sytstra und Knut Jungbohn Klement geträumt haben und die hoffentlich unseren Kindern ein wenig Festigkeit geben wird in einer Welt, die aus ihren Schranken geraten scheint.

Den das ist unsere Aufgabe. Hat auch die friesische Sache uns mitunter persönlich Leid oder Schwierigkeit zugefügt, auch weil sie vielleicht unsere Gedanken und Hoffnungen manchmal zu viel in Anspruch nahm, so ist in ihr doch viel mehr Freude und Dankbarkeit unser Teil geworden. Wir können auch gar nicht anders: denn die Not ist uns auferlegt. Unsere Ahnen haben bis zur Verzweiflung für die Freiheit gekämpft, sollten wir fauler und feiger sein? Unsere Vorgänger im 19. Jahrhundert haben eine lebenslängliche Arbeit geleistet, oft ohne von irgendwo Widerhall zu hören. Uns ist viel gegeben und wir sollten stolz darauf sein. Von uns wird in den nächsten Jahren übermenschlich viel gefordert, den wir sind zu den entscheidenden Stunden gekommen.

Hegen wir also keine Verzweiflung und lassen wir dem Skeptizismus keinen Platz in unserem Herzen gewinnen. Möge die Liebe zum Friesentum in uns brennen, damit sie sich in vielen Leuten entzündet, bei denen sie auszulöschen scheint. Leicht wird es nicht sein, aber haben die Friesen es je leicht gehabt? Ein Volk, das die Warfen und Deiche gebaut hat, sollte sich nicht fürchten, offen und frei zur ganzen Welt zu sagen: Wir sind, was wir waren, und wir wollen sein was wir sind, 

FRIESEN! 

Boarne: Wir Friesen. Aurich: Ostfriesische Landschaft, s.j. [1956?]   Mei tank oan Sytze T. H.